Story
04 Nov. 2022
By:
  • Michelle Balon
  • Indira Mogollon

IOM Deutschland spricht mit SafeBow, einer globalen Basisorganisation, die gefährdete Gruppen in der Ukraine unterstützt

„Wenn Sie eine alleinerziehende Mutter, ein älterer Mann mit 60 Katzen, eine Person mit einer Behinderung, ein:e Krebspatient:in, ein:e Holocaust-Überlebende:r, ein:e Drittstaatsangehörige:r, ein:e internationale:r Student:in, selbst wenn Sie ein Mann im Militäralter in der Ukraine sind - es gibt niemanden, dem wir nicht helfen werden“, sagt Simone Ledgard von SafeBow - einem Kollektiv von Freiwilligen aus der ganzen Welt, die sich für die Schwächsten in der Ukraine einsetzen.

Kurz nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine folgte Simone aus Perth, Australien, einem Aufruf zum Handeln auf Instagram von Model/Aktivistin Rain Dove, um Randgruppen in der Ukraine zu unterstützen. Eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern mit besonderen Bedürfnissen und freiwillige Feuerwehrfrau - Simone konnte sich nicht vorstellen, in dieser Situation zu sein: „Wenn ein Krieg ausbricht, ist das der schlimmste Tag für einen Menschen, aber das wird dadurch verschlimmert, dass man vielleicht körperlich behindert oder eine ältere Dame ist, welche einen 40-jährigen Sohn mit Autismus hat. Wie bringen Sie Ihr Kind in Sicherheit? Wer ist da, um diese Lücken zu füllen?”

„Rain Dove hat ein großes Publikum in den sozialen Medien. So haben wir uns zusammengetan und unsere ersten Spenden generiert”, erklärt Deborah Thoden, eine alleinerziehende Mutter, die ebenfalls dem Aufruf von Rain Dove gefolgt ist und jetzt als Case Managerin bei SafeBow in Berlin arbeitet. Als sich immer mehr Menschen über Instagram meldeten, entwickelte sich der Aufruf zum Handeln zu einer Basisorganisation.

„Wenn sich jemand in Not an SafeBow wendet, arbeitet ein:e Case Manager:in so lange wie nötig, direkt mit dieser Person in deren Muttersprache. Was uns von anderen unterscheidet, ist unsere einzigartige Form der persönlichen Unterstützung”, sagt Deborah. Die Menschen wenden sich an uns, weil sie Hilfe bei der Evakuierung, bei der Beschaffung der Grundversorgung benötigen oder weil sie einen Nervenzusammenbruch haben. In letzterem Fall verbindet SafeBow sie mit Beratungsdiensten in ihrer Muttersprache. Sie haben Medikamente, einschließlich Hormontherapie zur Verfügung gestellt, Menschen bei der Suche nach Transportmitteln geholfen, Operationen organisiert, Unterkünfte gesichert und vieles mehr.

Simone wurde Leiterin der Arbeitsgruppe für internationale Studierende, Drittstaatsangehörige (TCNs) und Schwarze, Indigene und People of Color (BIPOC) und arbeitet mit führenden Vertreter:innen der afrikanischen Diaspora in Deutschland, Kosovo, dem Vereinigten Königreich, Norwegen und Polen zusammen. Einer ihrer Fälle war eine 16-jährige Schülerin, die versuchte aus Sumy zu entkommen. Zu den chaotischen Zuständen auf der Flucht vor einem Krieg kam noch hinzu, dass das Mädchen ihre Periode hatte. „Stell dir vor, du hast den schlimmsten Tag deines Lebens, du bist jung, du hast Angst, du fliehst vor einem Krieg und als junge Frau bekommst du deine Periode. Aber du kannst dich nicht waschen und hast keinen Zugang zu Hygieneartikeln”, sagt Simone. Aus der ganzen Welt organisierte die Taskforce ihre Unterkunft in Lviv, sorgte dafür, dass Medikamente und Hygieneartikel ins Hotel gebracht wurden, und unterstützte sie bei ihrem sicheren Transport. 

„Nur durch die Verbindung von Menschen konnten wir diese Art von Betreuung anbieten”, sagt Simone. „Ich war noch nie in der Ukraine oder gar in Europa”, fährt sie fort, „aber wenn Sie mir eine Nachricht schicken und sagen, dass Sie in Charkiw sind und Herzmedikamente und Katzenfutter brauchen, kann ich Ihnen das besorgen.”

Vor dem Krieg war die Ukraine ein Zentrum für internationale Studierende, darunter viele aus ganz Afrika und Asien. Dare Adegboye aus Nigeria studierte Meerestechnik an der „Kherson State Maritime Academy”, als der Krieg ausbrach. Andere arbeiteten auf ihren medizinischen Abschluss hin, während sie ihre Familien versorgten. „An einem Abend ging man mit dem Gedanken ins Bett, Arzt zu werden, und am nächsten Tag ist man ein Flüchtling, obdachlos und pleite”, sagt Simone. Die psychischen Folgen dieser Situation müssen erkannt werden, und es muss für angemessene Unterstützung gesorgt werden.

Der Kampf, dem sich Drittstaatsangehörige, die vor dem Krieg fliehen, gegenübersehen, wird durch Aussagen wie „sie können zurück in ihr eigenes Land gehen” oder „sie können das regeln” heruntergespielt, erklärt Simone, „aber es spielt keine Rolle, was in deinem Pass steht - männlich, weiblich, aus welchem Land du kommst... das Trauma ist das gleiche Trauma, das alle empfinden.”

Die internationalen Studierenden waren alles andere als Außenseiter, sondern hatten im Land Wurzeln geschlagen. „Ich habe studiert und gearbeitet, und alles lief reibungslos, es gefiel mir dort”, sagt Dare. „Sie haben gearbeitet, sie haben in der Gemeinde gelebt, sie haben Freunde, sie sind in ukrainische Kirchen und Gemeindegruppen gegangen, haben sich eingearbeitet und die Sprache gelernt”, erklärt Simone. Sie sind „bestürzt über das, was passiert ist”, fährt sie fort, „aber jetzt will sie niemand haben.”

Dare gelang es, über Rumänien nach Litauen zu fliehen, aber er hatte unterwegs wichtige Dokumente verloren und konnte kein Visum erhalten. Nachdem seine finanziellen Mittel aufgebraucht waren und er„eine traumatisierende Erfahrung” gemacht hatte, wusste Dare nicht, wie er weiter vorgehen sollte. Schließlich lernte er SafeBow kennen, die ihm halfen den Transport von Litauen nach Ungarn zu organisieren, weiter nach Portugal und schließlich nach Kanada, wo er sich nun endlich niedergelassen hat und seine Studien fortsetzt.

In Deutschland unterstützte SafeBow einen Herzchirurgen und ehemaligen Englischlehrer, der 12 Jahre lang in der Ukraine lebte. Als der Krieg ausbrach, ließ er alles hinter sich - sein Zuhause, seinen Arbeitsplatz und seine Freunde. Aber dadurch, dass er einen Reisepass aus einem afrikanischen Land besitzt, werden seine Fähigkeiten übersehen. In ihren Gesprächen sagt er Simone gegenüber: „Die Leute sollen wissen, dass ich intelligent, gebildet und arbeitswillig bin. Ich will nicht untätig herumsitzen”. „Die Leute vergessen, wie sehr jedes Land aus qualifizierten Migrant:innen besteht”, sagt Simone, und viele Drittstaatsangehörige glauben, dass ihre beruflichen Fähigkeiten vergeudet werden.

In Fällen, in denen die jüngeren Generationen ausgewandert, die Eltern oder Großeltern aber zurückgeblieben sind, bittet die ältere Generation ihre Kinder oder Enkelkinder um Unterstützung bei der Beschaffung von Medikamenten, Lebensmitteln und körperlicher Hilfe, und die Jugendlichen wenden sich aus dem Ausland an SafeBow. Bei Stromausfällen können Menschen die nicht in der Lage sind, die Treppe hinaufzugehen, festsitzen. Ein Enkelkind zum Beispiel kontaktierte SafeBow von außerhalb der Ukraine, um Unterstützung bei der Suche nach Freiwilligen zu erhalten, die ihre an den Rollstuhl gefesselte Großmutter acht Stockwerke hinunter in einen Evakuierungsbus tragen könnten.

Die digitale Arbeit ist das "Herzblut" von SafeBow - die Organisation gründet, sammelt Spenden und beantwortet Anfragen über die sozialen Medien. In Berlin unterstützt Deborah die Neuankömmlinge vor Ort. „Wir haben eine große Gruppe von Freiwilligen in verschiedenen Zeitzonen”, sagt Deborah, „so können wir zusammenarbeiten und 24 Stunden am Tag Unterstützung leisten”.

„Nur durch die Verbindung von Menschen konnten wir diese Art von Betreuung anbieten”, sagt Simone. „Ich war noch nie in der Ukraine oder gar in Europa”, fährt sie fort, „aber wenn Sie mir eine Nachricht schicken und sagen, dass Sie in Charkiw sind und Herzmedikamente und Katzenfutter brauchen, kann ich Ihnen das besorgen.”

Viele der internationalen Studierenden und Fachkräfte, die aus der Ukraine geflohen sind, wissen nun nicht, wie sie vorankommen. „Ich stehe in Kontakt mit Studierenden, die fünf Sprachen sprechen und drei Abschlüsse haben, doch sie sind obdachlos”, sagt Simone. Der nigerianische Herzchirurg spricht fünf Sprachen, darunter Ukrainisch. Er könnte zum Beispiel Ukrainer:innen zu deutschen Ärzt:innen begleiten, um zu übersetzen. Da er selbst Arzt ist, kennt er die medizinische Terminologie. Solche Lösungen werden übersehen.

Auch wenn viele SafeBow-Fälle jetzt sicher sind, benötigen unzählige weitere gefährdete Ukrainer:innen und Drittstaatsangehörige immer noch dringend Unterstützung. „Die Bitten um Hilfe werden immer verzweifelter und die Unterstützung und Finanzierung immer weniger verfügbar”, berichtet Simone. Wenn Sie daran interessiert sind, die Arbeit von SafeBow zu unterstützen, besuchen Sie deren Website um mehr zu erfahren.