Story
03 Jan. 2022
By: IOM Germany

Berlin - Für Danielle Al-Qassir ist es ein voller Tag bei der Ausländerbehörde in Berlin. "Ich habe Kunden, die mich auf meinem Arbeitstelefon per Festnetz anrufen, und wir haben Leute,  die persönlich zu uns kommen", sagt sie. "Heute war sehr viel los, aber es ist wirklich schön, weil es gut ist, für die Leute da zu sein."

Danielle ist Rückkehrberaterin und arbeitet bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Deutschland. Sie berät  Migrant:inne, die darüber nachdenken, Deutschland freiwillig zu verlassen und in ihr Herkunftsland zurückzukehren. Ihre Beratung ist kostenlos, anonym und unvoreingenommen. Sie hört auch Menschen zu, die noch nicht wissen, was sie tun sollen, die noch auf ihre endgültige Asylentscheidung warten oder verzweifelt versuchen, dass ihre Familien nach Deutschland nachkommen können.

"Bei der Mehrheit der Menschen, die zu mir kommen, wurde der Asylantrag zum zweiten Mal abgelehnt und sie suchen nun humanitäre Unterstützung", sagt sie. Frustration und Integrationsschwierigkeiten  sind weitere Hauptgründe, warum Migrant:innen Deutschland wieder verlassen: "Viele erzählen uns, dass sie seit mehreren Jahren hier sind und es nicht geschafft haben, sich in die Gesellschaft zu integrieren, nicht arbeiten oder einen Job finden konnten." Andere wollen zurückkehren, weil sie sich um Familienmitglieder kümmern müssen. Darüber hinaus kann es persönliche, medizinische oder psychologische Gründe geben. Besonders wenn bei den Menschen unheilbare Krankheiten diagnostiziert wurden, möchten viele den Rest ihres Lebens zu Hause in einer vertrauten Umgebung verbringen.

In Berlin und Umgebung kommen viele Migrant:innen aus Guinea und Nigeria zur Beratung. "Es ist wirklich erstaunlich, wie stark diese Leute sind. Sie kommen zu uns und sagen: "Ich bin schon seit einiger Zeit hier, aber wissen Sie, es funktioniert nicht, ich habe so viele Wege ausprobiert. Ich ziehe es vor, nach Hause zurückzukehren und ein neues Geschäft zu gründen.", sagt Danielle. "Ich denke, das ist so mutig."

Unterschiedliche Programme für unterschiedliche Bedürfnisse

Glücklicherweise gibt es einige Programmen für Migrant:innen, die zurückkehren möchten. Die IOM unterstützt die freiwillige Rückkehr und Reintegration mit Mitteln  des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, der Bundesregierung, der Bundesländer und der Europäischen Union (EU). Es gibt  auch andere europäische und nationale Programme. Auf diese Weise können Rückkehrende die notwendige Hilfe erhalten, um wieder auf die Beine zukommen. Vor allem ist es entscheidend, dass die Unterstützung nach ihrer Rückkehr nicht aufhört,damit eine nachhaltige Reintegration in die Gesellschaft gelingen kann. Zu diesem Zweck können spezielle Reintegrationsprogramme im Rahmen von individuellen Beratungsgesprächen im Herkunftsland auf die Bedürfnisse der Rückkehrenden zugeschnitten werden. Hier können Migrant:innen entlang der wirtschaftlichen, sozialen und psychosozialen Dimension je nach Bedarf unterstützt werden.

Darüber hinaus stehen den Migrant:innen IOM-Mitarbeitende in Deutschland und in den Rückkehrländern zur Verfügung, wenn sie Hilfe benötigen. "Wenn sie nach Hause gehen, können sie uns immer noch erreichen. E-Mails funktionieren überall auf der Welt", sagt Danielle. "Manchmal bekomme ich Anrufe von Leuten, die mir sagen, dass sie nur meine Stimme wieder hören wollten. Und sie sagen mir, wie sich die Dinge für sie entwickelt haben. Ich finde das wirklich schön."

Im Moment findet die Beratung hinter Plexiglas statt. Es war auch für Danielle und ihre IOM-Kolleg:innen ein herausforderndes Jahr, da viele Migrant:innen, in die Beratung gekommen sind, in erschwerten Situationen waren. Jemand aus dem Sudan saß seit zwei Jahren hier fest und mit COVID-19 wurde es noch komplizierter. "Aber wir arbeiten immer an Lösungen", sagt sie.

Viele von denen, die zu Danielle kommen, sind verzweifelt und nicht alle brauchen Hilfe bei der Rückkehr. Bei Bedarf kann sie Migrant:innen an andere Institutionen verweisen. "Unsere Priorität ist es, dass die Menschen die Unterstützung bekommen, um die sie bitten. In Berlin gibt es Organisationen mit unterschiedlichen Spezialisierungen, an die wir Menschen vermitteln können, damit sie auf die Bedürfnisse eingehen können, die wir in den  Beratungsgesprächen identifiziert haben. Wir wollen denen, die in Not sind, zeigen, dass wir für sie da sind." In Deutschland kann die IOM auch bei anderen Programmen wie psychosozialer Unterstützung und Familienzusammenführung helfen.

Vertrauen schaffen und relevante Informationen teilen

Wenn Menschen viel durchgemacht haben, kann es eine Herausforderung sein, einem Rückkehrberater oder einer Rückkherberaterin zu vertrauen. "Die Menschen haben unterschiedliche Migrationserfahrungen. Manchmal haben sie Angst, um Hilfe zu bitten und zu teilen, was sie durchgemacht haben oder Informationen über sich selbst zu teilen. Aus diesem Grund versuche ich, wenn ich mit den Menschen spreche, Verbindungen zu ihnen in einem sicheren Raum aufzubauen, in dem sie sich dabei wohl fühlen, Informationen und Erfahrungen zu teilen. Das hilft, Vertrauen aufzubauen und die Beratung an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen", sagt Danielle.

Die Rückkehrberatung erfolgt anonym, wenn die Menschen dies wünschen. Danielle hört sich die Geschichten der Menschen an, fragt nach spezifischen Informationen, um zu sehen, im Rahmen welcher Programme sie Unterstützung erhalten können. Sie erklärt, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt und führt sie durch die einzelnen Schritte des Rückkehr- und Reintegrationsprozesses.

"Wenn sie nicht lesen können, zeichnen wir eine Karte auf Papier und sagen ihnen genau, wohin sie gehen sollen, wo sie ihre Pässe bekommen können usw. Dann sagen wir ihnen, welche logistischen Schritte IOM unternimmt, bis sie wieder nach Hause gehen können." In der Zwischenzeit stellen die Berater:innen eine Verbindung zu dem IOM-Büro im Rückkehrland her. In einigen Ländern bietet die IOM virtuelle Beratungen an, bei denen die Migrant:innen über Skype, Facebook oder Viber in ihrer Muttersprache Beratung erhalten können. So können die Menschen mit jemandem sprechen, der die Situation zu Hause, den Arbeitsmarkt, die Mietpreise, die Kosten für Medikamente kennt. Das Sammeln von so vielen Informationen wie möglich vor einer Rückkehr ist für Migrant:innen von entscheidender Bedeutung, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. "Es ist gut, dass unsere Kunden sehen, dass die Rückkehr wirklich ein Prozess ist", sagt Danielle.

Eine Rückkehrberaterin bei der Ausländerbehörde in Berlin im Gespräch mit einem Migranten / Foto: IOM Deutschland

Ich bin wirklich froh, dass ich an vorderster Front arbeiten kann, denn wir gehen über die Rückkehrberatung hinaus. Mein Job bedeutet mir alles.

Erste Schritte

Was sollten die Menschen machen, wenn sie darüber nachdenken, in ihr Heimatland zurückzukehren?

"Die Leute sollten auf das Informationsportal www.ReturningfromGermany.de gehen und ihre deutsche Adresse eingeben. In fast jeder Stadt in Deutschland gibt es staatliche Stellen und unabhängige Akteure, die eine Rückkehrberatung anbieten. Die Website ist in zehn Sprachen verfügbar und zeigt ihnen, wohin sie gehen und mit wem sie sprechen können." Für Danielle ist die Arbeit als Rückkehrberaterin so etwas wie eine Berufung: “Ich bin wirklich froh, dass ich an vorderster Front arbeiten kann, denn wir gehen über die Rückkehrberatung hinaus. Mein Job bedeutet mir alles.”

Weitere Informationen

Sollten Sie oder jemand, den Sie kennen, über eine Rückkehr aus Deutschland nachdenken, kann die Internationale Organisation für Migration (IOM) Sie unterstützen. Sie können sich mit IOM unter +49 30 90269 4848 in Verbindung setzen und hier weitere Informationen einholen. Die IOM betreibt eigene Rückkehrberatungsstellen in Berlin, Brandenburg, Bremerhaven und Rheinland-Pfalz. Wenn Sie an einem anderen Ort in Deutschland wohnen, können Sie sich bei der nächstgelegenen  Rückkehrberatungsstelle erkundigen  und mehr über die Rückkehr- und Reintegrationsprogramme erfahren, die Ihnen je nach Rückkehrland zur Verfügung stehen. Auch weitere Reintegrationsprojekte wie ERRIN  könnten für Sie geeignet sein. Das Programm wird vom BAMF durchgeführt.

Die Rückkehr- und Reintegrationsprogramme der IOM werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Bundesregierung, den Bundesländern und der EU finanziert.